Entgegen
der bisherigen Annahme können Wildtiere die Verjüngung von
Wäldern fördern und die Artenvielfalt auf Wiesen erhöhen
Im Schweizerischen Nationalpark in Graubünden hat nach dessen
Gründung im Jahre 1914 die Zahl der Rothirsche stark zugenommen.
Während des Sommers äsen heute 1700 bis 1800 Hirsche auf rund
86
Quadratkilometern Wiesen und Wälder. Angesichts dessen befürchteten
Jäger und Förster, dass die empfindlichen Hochweiden biologisch
verarmen und langfristig sogar erodieren würden.
Jetzt aber haben die Botaniker Bertil Krüsi, Martin Schütz
und ihre
Mitarbeiter von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für
Wald,
Schnee und Landschaft in Birmensdorf anhand von Daten, die von
1917 bis heute reichen, erstaunliches herausgefunden: Die Hirsche
nutzen lediglich einen kleinen Teil der subalpinen Weiden intensiv,
die
ökologisch hochsensiblen Wiesen oberhalb der Waldgrenze hingegen
kaum.
Doch
sogar auf den intensiv beästen Flächen hat sich die
Pflanzenvielfalt in den letzten 50 bis 80 Jahren nicht verringert, sondern
stark erhöht. In den zentralen Bereichen der elf Hektar großen
Alp Stabelchod zum Beispiel wurden in den neunziger Jahren gut
doppelt so viele Arten von Blütenpflanzen registriert wie im Jahre
1941,
darunter Orchideen und Enziane.
Selbst die natürliche Waldverjüngung hat vom Rotwild deutlich
profitiert. So haben sich von 1930 bis 1970 etwa doppelt so viele
junge Bergföhren pro Jahr etabliert wie von 1914 bis 1930, als
die Alp
weder bewirtschaftet noch von Hirschen aufgesucht wurde.
Dieses scheinbare Paradox erklären die Forscher damit, daß
Huftiere
lücken in die Vegetationsdecke reißen, so daß Licht
und Luft die am
Boden ruhende Saat erreicht. Bei Wiesen und Wäldern, die ohne Wild
sich selbst überlassen bleiben, schießen die schnellwüchsigen
Gräser
oder Stauden ins Kraut und überwuchern die langsamen.
Niedrigwüchsige Pflänzchen, wie Klee und Labkraut, oder
Baumkeimlinge, die erst durch Licht zum Keimen erweckt werden,
haben keine Chance emporzukommen.
Außerdem rupfen die Hirsche nicht alles gleichmäßig
ab, sondern lassen
die Vegetation in unterschiedlichen Wachstumsphasen zurück. Damit
schafft das Rotwild ein strukturreiches Mosaik, das zahlreichen
Pflanzenarten Lebensraum bietet.
"Die Wiederbewaldung läuft ohne Huftiere sehr langsam ab,
beschleunigt sich aber bei wenigen Huftieren", kommentiert Martin
Schütz. "Nur bei sehr vielen Huftieren verzögert sie sich
wiederum.
Langfristig verhindern Huftiere die Wiederbewaldung aber nicht." Und
Krüsi ergänzt, eine gewisse Tierdichte fördere die Verjüngung,
und das
träfe vermutlich auf alle Wälder zu.
Angesichts dieser Erkenntnis wird sich das Dogma der Forstwirtschaft,
Huftiere schaden dem Wald prinzipiell, kaum noch halten lassen.
Diese
Schlussfolgerung trifft unter Fachleuten auf enormen Wiederstand,
und gibt somit Anlass zu weiteren Diskussionen.
Vor
dem Zeitalter der Massentierhaltung trieb der Hirte sein Borstenvieh
in die Auen,
wo es nach Herzenslust wühlen und sich suhlen konnte,
Neuerdings dürfen wieder vermehrt glückliche Schweine hinaus
in die freie Natur,
in erster Linie als Landschaftspfleger,
in zweiter Linie als Fleischlieferant.
Eine
Studie ( November 1999 "Wirkung von Schweinen hinsichtlich der Wühlaktivität
und des Einflusses auf die Vegetation") aus dem Brandenburgischen Elbtalauen
kommt zu dem Schluss; Wo die Tiere die Grasnarbe aufgebrochen haben,
können mehr Pflanzenarten wachsen als zuvor.
Auf
den Schweineweiden gedeihen sogar Spezies,
die in brandenburg auf der Roten Liste stehen - das Raue Vergissmeinnicht
etwa,
die Wiesen - Margerite oder die Wiesenflockenblume.